My Playlist XXV: Kleine Kraftquelle

Ich oute mich mal als Alteisen: Ich gehöre zu den Leuten, die sich echt darüber freuen können, dass Pearl Jam heute, am 27. März 2020, ihr erstes Studioalbum seit sieben Jahren auf den Markt gebracht haben.

Ich weiß: „Relevant“ war die Band vor 30 Jahren (was auch immer das heißen mag). Für mich sind sie aber immer relevant geblieben, und auch das neue Album wird im Regal landen, was bei mir als Streaming-Fan inzwischen echt selten ist.

Was das neue Album bietet, ist vor allem viel Vertrautes: PJ-typische Shouter, Akkustik-Gitarre-Balladen und jede Menge Rock mit Drive, der nach vorn treibt. Ein, zwei Experimente sind auch noch drin, worüber nicht alle Alt-Fans glücklich sind (ich finde es gut).

Das beste aber ist, dass man über all das nicht viel schreiben muss. Wen es interessiert, der/die kann sich selbst ein Urteil bilden: Pearl Jam haben das komplette Album über Spotify freigegeben – und auch via Youtube:

Ich finde, das treibt ganz hübsch. Gut in Zeiten, in denen einem die Welt so gelähmt vorkommt.

Das neue Normal: Leben neben Corona

Fundstück: Kinderzeichnung auf einer Straße in Siegburg

Wir wir alle rede ich seit Tagen über kaum etwas anderes als Corona. Ich bin ziemlich gut up to date, wir Journalisten bekommen noch mehr mit als die News-Leser, die ja letztlich das von uns aufbereitete „Filtrat“ serviert bekommen.

„Ich kann es nicht mehr hören“, sagt mir am Telefon meine in selbstgewählter Quarantäne sitzende Mutter – und redet auch mit mir über nichts anderes mehr. Und dass sie auch mit ihren Freunden am Telefon vor allem über Corona redet, und dass einen das echt noch weiter herunterzieht.

So ist das. Wir alle hängen an diesem nicht enden wollenden Newsstrom und haben offensichtlich das Bedürfnis, den auch miteinander zu verarbeiten. Auf Dauer wird uns auch das krank machen, wenn wir es nicht dosieren. Es gibt auch noch Themen jenseits von Corona, das müssen wir uns klarmachen.

Ich meine damit nicht, dass man irgendetwas verdrängen sollte. Aber Corona ist jetzt und für wahrscheinlich etliche Monate unser neues Normal. Es sollte unser Leben bestimmen, wir sollten das nie vergessen, uns an die Schutzempfehlungen halten etc.. Aber das heißt nicht, dass wir alle auch nonstop darüber reden müssen. Ich fürchte, sonst lähmt es uns irgendwann.

Meiner Mutter sagte ich:

– Schau Dir Morgens und Abends an, was es Neues gibt über Corona. Das reicht, dann bist Du im Bilde. Du musst die Katastrophe nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit verfolgen, es ändert nichts. Lass Dich nicht runterziehen. Du tust ja alles mögliche, um Dich zu schützen.

– Telefoniere viel mit Freunden, und dann redet über alles außer Corona. Zwei, drei Sätze zu Beginn reichen doch: Und dann frag, was es sonst gibt, wie es Freunden geht, wie sie ihre Zeit gestalten. Tauscht Tipps aus, was man sehen, was man hören kann. Tauscht praktische Tipps aus, wie man den Alltag in Isolation gut gestaltet und übersteht.  DAS sind Themen, über die man nun reden sollte: Wie machen wir das Beste aus der Situation? Und: ich bin bei dir, auch wenn wir uns nicht sehen können.

Die ganze Welt ist eine kognitive Dissonanz

Facebook wird zum virtuellen Herdfeuer, an dem sich die versammeln, die sich nah fühlen, aber es nicht sein können. Kurz vor Mitternacht hatte mein Freund Gerrit eine Nachricht veröffentlicht, die  viele erschreckte.

Er schrieb:

 

Es folgte eine rührende Welle der Solidarität. Gerrit ist Risikogruppe, wir wissen das alle. Am Mittwochmorgen meldete er sich noch einmal: „Danke meine Lieben, das tut uns gut. In der Leitstelle in München gehen pro Tag 4.000 Anrufe ein, alles ist völlig überlastet und sich zu testen lassen fast unmöglich. Wir schaffen es jetzt über persönliche Kontakte zu Ärzten auf einem Parkplatz. Wenn man bedenkt, dass das erst der Anfang ist, fühlt es sich sehr beklemmend an.“

Ganz plötzlich wird Corona persönlich. Im Radio sagt eine Siebenjährige: „Ne, Angst hab‘ ich nicht, ich bin ja immun. Ich kann das gar nicht kriegen.“ Die Sonne scheint an diesem Mittwoch, 18 Grad, die Straße ist voller immuner, spielender Kinder. Ich erschrecke über mich selbst: spielende Kinder, spüre ich, sind jetzt bedrohlich.

Noch ein Blick auf Facebook. Ein örtliches Tatoo- und Piercingstudio jubelt: „Das Ordnungsamt der Stadt Siegburg war eben vor Ort und hat uns mitgeteilt, dass wir regulär geöffnet haben dürfen, da wir unter hohen Hygiene-Standards Arbeiten!“

Super. Die ganze Welt ist eine kognitive Dissonanz.

My Playlist XXIV: Ger O’Donnell

The Parting Glass gehört seit Anfang der 80er zu meinen Lieblingsballaden, und was Ger O’Donnell da abliefert, ist vielleicht die beste Version davon, die ich je gehört habe.  Das ist tiefe, warme Melancholie pur, in perfekter Einheit von Performance und Text:

Oh of all the money that e’re I spent
I spent it in good company
and of all the harm that e’re I’ve done
alas it was to none but me
for all I’ve done for want of wit
to mem’ry now I can’t recall
so fill to me the parting glass
good night and joy be with you all

Oh if I had money enough to spend
and leisure time to sit awhile
there is a fair maid in this town
and she surely has my heart beguiled
her rosey cheeks, her ruby lips
I own she has my heart enthralled
so fill to me the parting glass
good night and joy be with you all

Oh of all the comrades that e’re I’ve had
they are sorry for my going away
and of all the sweethearts that e’re I’ve had
they would wish me one more day to stay
but since it falls unto my lot
that I should rise and you should not
I’ll gently rise and softly call
good night and joy be with you all

Das „Parting Glass“ ist der Abschiedstrunk, im Sinne von „Noch einen auf den Weg“. Text und Melodie sind gemeinfrei, denn das Lied ist uralt: Die ältesten Nachweise datieren auf 1605, aber es ist gut möglich, dass man da noch ein paar Jährchen drauflegen kann.

Was soll man da sagen? Zeitlos.

Zum Sänger: Ger O’Donnell ist seit über zwanzig Jahren als Studiomusiker, Arrangeur und Komponist unterwegs, hat aber nie den Weg ins Scheinwerferlicht gesucht. Das scheint sich gerade zu ändern. Seit etwas mehr als einem Jahr postet er Videos bei YouTube und Facebook und promotet seine Konzerte. Die sind nach wie vor klein: Pubs in County Clare und Limerick, regionale Festivals.

Da läuft er mit Contemporary auf, was auch die Clips in seinem Youtube-Channel dominiert: Prinzipiell kann der alles spielen, was mal gut ist, mal viel zu zuckersüß (mir zumindest). Er ist da ganz Studiomusiker.

Richtig stark ist er dagegen, wenn es ins „Trad“ geht, ins irisch-schottische Liedgut: Das ist absolute Oberliga. Er merkt gerade, dass es auch das ist, was die Leute von ihm hören wollen. Seine Trad-Videos haben locker 100x mehr Aufrufe als die anderen Sachen, Tendenz steil steigend.

Ich tippe mal: da kommt bald mehr.